Berühmte Magier und Zauberkünstler

Hanussen

Am 2. Juni 1889 wurde in Wien eine Person mit dem Namen Hermann Steinschneider geboren. Sein Vater war Schauspieler, und als 12jähriger reiste der kleine Harry, wie er genannt wurde, bereits mit einer Wanderbühne über die Landstraßen und verdiente sein Geld als Chansonsänger und Akrobat. Als der erste Weltkrieg ausbrach, wurde er Soldat. Im Schützengraben begann er, in seiner Kompanie Kunststücke vorzuführen. Ein Freund, der bei der Feldpost arbeitete, ließ ihm das ein oder andere "Geheimnis" aus den Briefwechseln zukommen. So war es Hermann Steinschneider möglich, gerade im Bereich der Hellseherei große Erfolge vorzuweisen – etwa wenn er seinem Kompaniechef vorhersagte, dass seine Frau einen Sohn bekommen würde. Bald wurde er als Unterhaltungskünstler im Felde zwischen verschiedenen Truppenteilen weitergereicht. Einmal erhielt er sogar Urlaub, um seine Künste dem Publikum in Wien vorzustellen: Hier trat er zum ersten Mal unter seinem Künstlernamen "Jan Hanussen" auf.

Nach Kriegsende hatte er es bereits zu einem solchen Bekanntheitsgrad gebracht, dass er in Wien beste Arbeitsvoraussetzungen als Zauberkünstler hatte. Häufig hielt er Experimentalabende und Privataudienzen ab, in denen er seinen Gästen etwas über deren Zukunft erzählte. Ein glücklicher Umstand festigte seinen Ruhm noch zusätzlich. Eines Tages war er zur richtigen Zeit am richtigen Platz und zufälliger Zeuge eines Bankraubes, so dass es ihm mit Hilfe der Polizei gelang, den Bankräuber dingfest zu machen. Am nächsten Morgen titelten die Zeitungen, Hanussen habe als "Kriminalthelepath" einen Banknotendiebstahl in der österreichisch-Ungarischen Bank aufgeklärt.

Ab 1923 arbeitete er in seinem Zauberprogramm mehr und mehr mit Hilfe eines Mediums, eines schmächtigen Mädchens namens "Martha Farra", das scheinbar über sensationelle, übermenschliche Kräfte verfügte: Sie zerbiss die dicken Eisenglieder geschmiedeter Ketten mit den Zähnen oder war anscheinend unempfindlich gegen Nagelbretter, die auf ihren Körper gelegt und mit schweren Gewichten belastet wurden – alles Effekte, die mit der richtigen Tricktechnik nicht allzu schwer vorzuführen waren. Dabei beschritt Hanussen immer einen dünnen Grad. Auf der einen Seite verkaufte er sich als klassischer Zauberkünstler, der es sich nicht anmaße, seine Fähigkeiten als übermenschlich zu bezeichnen; auf der anderen Seite ließ er sein Publikum bewusst darüber im Unklaren, ob er nicht doch ein "echter" Zauberer war.

Als ihm der ein oder andere Zuschauer bei seinen hellseherischen Bühnenexperimenten auf die Schliche kam, entlud sich die Wut vieler Zuschauer, die sich betrogen fühlten, im Jahr 1928 im sogenannten "Leitmeritzer Prozess". Er wurde des Betruges beschuldigt, begangen durch vorgetäuschte Hellseherei. Doch Hanussen gelang es, während der Hauptversammlung im Kreisgericht von Leitmeritz das Motto des Prozesses unter die Frage zu stellen, ob es Hellseherei nicht wirklich geben könne und so von den Betrugsvorwürfen abzulenken. Das Gericht erlaubte ihm sogar, im Prozess mit Hellseherei zu experimentieren. Detailliert informierte er sich über Privatleben und persönliche Lebensumstände aller am Prozess beteiligten, und am Ende gelang es ihm, sich durch eine für die Beteiligten überzeugende Präsentation freisprechen zu lassen. Der Prozess, der zunächst das Ende seiner Laufbahn wahrscheinlich gemacht hatte, war nun Ausgangspunkt für Hanussens letzten, kometenhaften Aufstieg. Denn überall eilte ihm nun der Ruf voraus, seine hellseherischen Fähigkeiten seien gerichtlich nachgewiesen und bestätigt worden.

Hanussen eroberte Berlin. Sein weiteres Schicksal war von nun an eng mit der aufstrebenden Nazipartei verbunden. Er wurde von der Presse als "größter Hellseher Deutschlands" gefeiert, wobei ihm seine exorbitanten Gagen das Leben eines Millionärs ermöglichten. In einer eigens gegründeten Wochenzeitschrift sagte er 1933 die Machtübernahme Hitlers voraus. über seine Bekanntschaft mit dem SA-Führer Kurt Helldorf wurde er eines Tages Hitler vorgestellt; Hanussen sonnte sich öffentlich im Ruf, der "Prophet des Dritten Reiches" zu sein.

Hanussen zog in die vornehmste Gegend Berlins und baute sich in der Lietzenburger Straße 16 in Berlin Wilmersdorf einen kleinen Palast in der untersten Etage, der mit den üppigsten Materialien ausgestattet und ganz der Hellseherei gewidmet war. Jedes Zimmer war mit ausgefeilten Abhörvorrichtungen versehen, so dass alle Gespräche sofort auf Schallplatte aufgenommen werden konnten. Zudem konnten bei Bedarf versteckt angebrachte Filmapparate und Lautsprecher zum Einsatz kommen. Am 26. Februar 1933 wurde die neue "Hellseherwohnung" eingeweiht. Zu Gast war eine bunt gemischte Gruppe aus dem höheren braunen Establishment, am bekanntesten Graf Helldorf und Hohenzollernprinz August Wilhelm. Höhepunkt der Feier war eine Séance, in der die Schauspielerin Maria Paudler mit den Worten "Jeder Widerstand ist nutzlos... Ich sehe Feuer...Flammen... Verderber sind am Werk!" den Reichstagsbrand prophezeite.

Am kommenden Tag war es soweit, der Reichstag brannte tatsächlich. Damit hatte sich Hanussen jedoch zu weit aus dem Fenster gebeugt: Seine zu guten Informationen gerieten ihm zum Verhängnis. Einen knappen Monat später, am 24. März 1933, musste das Publikum der Abendvorstellung, in der Hanussen auftreten sollte, mit der Erklärung er sei "krank", nach Hause geschickt werden. Am 8. April erschien in der Nazizeitung "Völkischer Beobachter" eine kurze Notiz, die besagte, dass es sich bei der Leiche, die in einer Waldschonung gefunden worden sei, vermutlich um den ermordeten Leichnam Hanussens handelte. Hanussen wurde lediglich unter Geleit seiner Frau Fritzi, der Souffleuse vom Theater am Schiffbauerdamm, auf dem Stahnsdorfer Friedhof beigesetzt